EXHIBITIONS

BEYOND THE GARDEN
Claudia Losi

April – June 2026  
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Galerie Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Like a Forest Garden (cloud cloud), 2022–26; Cotton jacquard fabric, wool embroidery, 118 x 144 cm
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Galerie Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Like a Forest Garden (Fish), 2022–26; Cotton jacquard fabric, wool embroidery, 144 x 124 cm
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Galerie Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Like a Forest Garden (Tiger), 2022–26; Cotton jacquard fabric, wool embroidery, 144 x 130 cm
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Galerie Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux
Exhibition view  BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Galerie Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Animule  (Figure Combinations), 2026; Mural (watercolour pencil, water), 50 x 1,600 cm
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Pomi, 2025; Brass with metal wire and small lead weights; Ø approx. 5 cm each
Claudia Losi; Animule  (Figure Combinations), 2026; Mural (watercolour pencil, water), 50 x 1,600 cm
Claudia Losi; Animule  (Figure Combinations), 2026; Mural (watercolour pencil, water), 50 x 1,600 cm
Claudia Losi; Animule  (Figure Combinations), 2026; Mural (watercolour pencil, water), 50 x 1,600 cm
Claudia Losi; Animule  (Figure Combinations), 2026; Mural (watercolour pencil, water), 50 x 1,600 cm
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi (detail); Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux
Exhibition view BEYOND THE GARDEN, Claudia Losi; Gallery Stadtpark Krems, 2026; Photo: Stefan Lux; Claudia Losi; Like a Forest Garden (Deer), 2022–26; Cotton jacquard fabric, wool embroidery,  144 x 160 cm; Courtesy: Monica De Cardenas Gallery, Milan
Legende
Claudia Losis ästhetische Praxis entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen Subjekt und Gesellschaft sowie in der Dialektik von subjektivem Schaffen und Intersubjektivität. In ihren Werken, die oftmals partizipative Elemente enthalten, finden sich unterschiedliche narrative Ebenen – persönliche, kulturgeschichtliche, anthropologische und philosophisch-existentielle –, die subtil miteinander verwoben werden. Losi arbeitet mit einem sich ständig erweiternden Fundus von Erzählungen, die sie in ihre naturontologischen Reflexionen einbettet und miteinander verknüpft. Das einzelne Subjekt steht hier nicht isoliert neben anderen, sondern erscheint, sich über Narratives, Imaginäres und Erinnertes artikulierend, in relationaler Verbindung zu ihnen.

In der mehrteiligen Tapisserie Like a Forest Garden interpretiert und verdichtet die Künstlerin über Jahre zusammengetragene Gedanken und Bilder hunderter befragter Personen zur Vorstellung eines „natürlichen Ortes“. Dabei findet nicht nur ein innerbildlicher Dialog jener Erzählungen und Schilderungen statt, sondern das Subjekt geht auch auf sanfte, ja natürliche Art und Weise in die Idee eines überzeitlichen Kollektivs, einer Gemeinschaft, einer exemplarischen Form von „Menschheit“ über. In der Installation der Arbeit zeigt Losi jedoch nicht einfach die Ergebnisse ihrer Recherche, sondern integriert bestimmte Teile der textilen Wandarbeit wiederum in ein räumlich-installatives Gefüge. Dieses fügt sich zu einer Art Biotop zusammen, das mehr gewachsen als geschaffen scheint und eine perzeptiv offene anstelle einer festgelegten Form bildet. In Analogie zur Dialektik von Subjekt und Kollektiv bzw. Gesellschaft schafft Losi somit auch hinsichtlich der ausstellerischen Form, der Installation der Arbeit eine subtile Engführung mit jener zentralen Idee von Wald, Ökosystem und Natürlichem, die ihrem Werk implizit ist. Jenseits essentialistischer Vorstellungen von Natur und Subjekt geht es Losi wesentlich um die Interdependenz und Bedingtheit jener Begriffe und Vorstellungen, die sich im menschlichen Sein und Tun, im Miteinander und intersubjektiven Abgleich, im Sprechen, Texten, Erinnern und Bildermachen stets neu artikulieren und umformen.

Der Mensch spielt bei Losi somit als dezidiert handelndes, freies und relationales Wesen die entscheidende Rolle. Insofern entwirft die Künstlerin mit ihren Vorstellungen von Natur kein abstraktes oder eskapistisches Gegenüber, sondern ein Feld involvierten Handelns, das sowohl ein Aneignungs- als auch ein empathisches Moment birgt. Mensch und Natur befinden sich in einem Spannungsverhältnis, wenngleich Losi auf eine Idee von Rücksicht und Anteilnahme rekurriert, die letztlich auf einer Vorstellung von Harmonie und Ausgleich im Miteinander basiert. Insofern birgt das Denken von Losi eine utopische, visionäre Dimension, die mit Eskapismus nichts zu tun hat. Vielmehr findet sich das Subjekt, der/die BetrachterIn, selbst in einer aktivierten, eingebundenen Situation wieder – im Hinblick auf unsere ontologischen Vorstellungen von Natur, aber ebenso in intersubjektivem Zusammenhang, im Hinblick auf unser soziales Miteinander, über die begrenzenden Zeitfenster aktuellen Handelns hinweg.

Der Mensch sieht sich auf sanfte Weise aus dem Hier und Jetzt, dem aktuellen Wahrnehmen, Betrachten und Handeln herausgelöst und in eine überzeitliche Position versetzt. Dabei geht es keineswegs um Distanziertheit oder Souveränität. Im Gegenteil: Losis Idee von Menschsein und Involviertsein ist anthropologischer Natur. Sie birgt den Versuch, das Selbst nicht vereinzelt, abstrakt und letztlich oft passiv und konsumierend zu erleben, sondern als aktiv Handelnden, der intersubjektiv verbunden ist und über die Zeit und den Raum des bloß Eigenen hinausdenkt und -fühlt.

Losi verbindet (textiles) Material und Subjekt mit Sprache und Gesellschaft. Handeln erscheint hierbei nicht einfach als Spiegel von Subjektivität, sondern verweist auf ein komplexes Geflecht relationaler Verbindungen zwischen Mensch, Material, Raum, kulturellem Archiv und Geschichte. Das Subjekt tritt dabei nicht isoliert auf, sondern als relationaler Knotenpunkt. Die Spuren, Gesten und Artikulationen, die die ästhetische Erfahrung der RezipientInnen bestimmen und affizieren, zeigen sich in Relation zu diesen Räumen kultureller Codierung, Aufladung und Einschreibung, also in Spannung und Differenz, aber auch in Verbindung mit ihnen.

Bei Losi fungiert Stoffliches, Textiles nicht nur als Material. Auch die Behandlung und Verarbeitung der textilen Materialien – das Weben, Sticken, Flechten und Knüpfen – lässt sich nicht allein auf ein technisch-handwerkliches, herstellerisches Moment reduzieren. Ihnen wohnt per se eine intersubjektive Dimension inne. Verknüpfen, Weben etc. sind zugleich Metaphern und Ideale zwischenmenschlichen Handelns, aber auch des Denkens, des epistemischen Suchens und Erkennens. In beiden Fällen und Kontexten birgt es die Möglichkeiten des Einbindens, Einbettens, Verknüpfens und Reparierens – nicht nur von Stoff oder Garn, sondern auch von Ideen, Bildern und Erzählungen. Sowohl die textilen Materialbehandlungen als auch die Idee der Installation/Inszenierung als Wald/Natur/Biotop sind in diesem Sinne auch jeweils nicht nur Form, sondern zugleich explizit Metapher und Vorschlag einer ästhetischen Handlungs- und Verstehensweise, einer möglichen verantwortlichen und empathischen Weise, mit der Welt in Resonanz zu treten.

Die kleinen Bronzeskulpturen mit dem Titel Pomi, die sich an verschiedenen Stellen innerhalb der Ausstellung wiederfinden, bilden eine Art narrative Ergänzung und zugleich eine Subvertierung der beiden gezeigten Werkgruppen. Deren Ineinandergreifen und Verzahnung innerhalb der Ausstellung bildet eine Art Ökosystem, einen imaginären „Waldgarten“ (forest garden). Wie kleine Kommentare und Subtexte sieht sich der Betrachter den kleinen Bronzefrüchten gegenüber. Diese rekurrieren auf gefundene, von Hornissen leergefressene Äpfel, die die Künstlerin in ihrer Kindheit gesammelt und viele Jahrzehnte aufgehoben hat. Diese getrockneten Früchte hat Losi nun in kleine Metallskulpturen übersetzt. Dabei liegt der skulpturalen Übertragung keinerlei konzeptuelles oder erzählerisches Ansinnen zugrunde. Vielmehr stützt sich die Künstlerin auf ein kinetisch-kinästhetisches Moment, eine Art Körpergedächtnis. Es geht um Haptik, ums Beschützen, Bergen. So sah die Künstlerin in jenen Formen von jeher eine Art prototypisches Nest, eine Höhle und mögliche Behausung, jedenfalls eine Form, die Geborgenheit und Schutz ausstrahlt, die aber auch selbst beschützt werden möchte und der somit auch etwas zutiefst Fragiles, Vergängliches anhaftet. Dieses Beschützen eines Schutzraums oder -ortes mag als frühe (kindliche) Metapher und Grundlage für Losis Empathie, ihr ethisches Empfinden und Verhältnis zur Natur gesehen werden.

Das mehr als fünfzehn Meter lange Wandbild Anìmule aus der zweiten Werkgruppe der Ausstellung lässt sich als eine Art Fries beschreiben. Es zeigt eine sequenzielle Folge archaisch und obskur anmutender „Szenen“ mit figurativen Gestalten, Tieren und Wesen. Doch sollte man sich vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen. Denn eigentlich ist es weder Zeichnung noch Malerei. Losi arbeitet hier nicht mit gezeichneten Formen und Figuren, sondern mit Abdrücken, mit Indizes, die prozesshaft mehrfach um die Ecke gehen und eine Art multipler Übertragung und Übersetzung des (kollektiven) Imaginären darstellen.

Die Figuren und Szenerien rekurrieren nicht auf zeichnerische Imagination. Es handelt sich um gerissene Papierformen, um Tiere, Wesen und Szenen, die die Künstlerin an unterschiedlichsten Orten mit verschiedensten Menschen hergestellt hat – höchst subjektiv und zugleich partizipativ/intersubjektiv. Das Reißen des Papiers schafft ein permanentes Abweichungsgeschehen, das die Erscheinung und Ästhetik der Tiere, Menschen und Wesen entscheidend prägt. Es geht um freie, assoziative Formen, denen ein hoher Grad an Aleatorik, Improvisation und Materialimmanenz innewohnt. Dieses Spannungsfeld aus Internationalität und Nichtgerichtetheit macht den ambivalenten werkontologischen Status von Anìmule aus. Insofern bilden die verschiedenen Formen und Wesen prozesshafte Artefakte; es handelt sich um Dinge, die mehr geworden sind als gedacht und gezeichnet. Dem Betrachter zeigen sich Chimären, dysproportionale Mischwesen und archaische Formen, die zwischen Phantasmatischem, Berichtetem und Erzähltem changieren.

In den Arbeiten von Claudia Losi findet sich oft etwas Ludisches, Basales, Niederschwelliges, ja Naives wieder. Sie verwendet Formen, die aus spielerischen Zugängen entstehen, wie dem Reißen von Papier. Das Prinzip der Pareidolie, auch Apoplexie genannt, fungiert dabei als grundlegendes formevokatives Prinzip. In der Komplexität und Aleatorik der gerissenen Form bildet sich das jeweilige Wesen, Tier etc. im Tun, im Prozess und durch das Hineinsehen der „reißenden“ Person. Die entstandenen Formen changieren zwischen Zeichnung und Skulptur. In jedem Fall spielt die Verbindung von Auge, Geist und Hand, also die Hand, eine wesentliche Rolle. „I am interested, how the hands are intelligent, how they tell, how they think for us.“ Losi rekurriert hier wie auch in den Pomi auf eine Art taktiles, haptisches Wissen, das dem erkennenden, begrifflichen Denken von jeher vorangeht und vorgelagert ist.

Losi verwendet die gerissenen Formen und Gestalten als Rohmaterial und Schablonen für ein Wandbild, das aus mehreren szenischen Geschehnissen geformt ist und ein Hybrid aus Zeichnung und Wandmalerei darstellt. Sie überführt die Formen in Zeichnung und Malerei, wobei auch hier nicht im klassischen Sinne der jeweiligen Medien gedacht werden kann. Sie zeichnet die gerissenen Formen linear nach und wässert sie anschließend, sodass das Abrinnen das „malerische“ Geschehen wesentlich bestimmt. Die Bilder scheinen schließlich einerseits gealtert, als wären sie verwaschen und verblasst. Theatralisch gelesen scheinen die Figuren, Tiere und Wesen andererseits, immerhin handelt es sich um Szenen, die den Interpretationssinn des Betrachters stark ansprechen, an einigen Stellen zu „weinen“.

Die Verdichtung und Überlagerung der Figuren aus gänzlich unterschiedlichen Narrationskontexten und Autorschaften schafft ein hochgradig aufladbares, assoziatives und interpretatives (imaginäres) Geschehen, das sich im Auge des Betrachters formt und verdichtet. Überzeitlich und mit Abstand betrachtet sowie anthropologisch gelesen, schafft Losi hier eine Metanarration, ein übergeordnetes Narrativ. Aus der Vielheit von Geschichten entsteht eine Geschichte übers Erzählen (von Geschichten) selbst, eine Geschichte vom Menschen, seinem Sein, vom Sich-Begegnen sowie vom Verhältnis zur Natur und zur Welt. Ein auf den ersten Blick eigentlich einfaches, narratives Geschehen eröffnet so auf subtile Weise einen Raum philosophischer, existentieller Fragen, dem zugleich eine archaische Dimension innewohnt. Dies ist ein wesentliches Merkmal der ästhetischen Handlungsweise Losis. Sie setzt in ihrer Sprache auf einfache, ja basale Weise an, um dann das Sehen und Denken der Betrachterin bzw. des Betrachters potentiell in Richtung Ontologie und Existenzielles zu lenken.

Claudia Losi stellt in ihrem Werk grundlegende Fragen des Ortes und des Sich-Verortens. Was bedeutet es, an einem Ort zu sein? Was bedeutet es aber auch, jenseits des Gartens (forest garden) zu sein, sich also „beyond the garden“ zu begeben? In der Ausstellung treffen somit zwei wesentliche ortsontologische Fragestellungen aus Losis Werk aufeinander. Die Frage nach dem Hier und Jetzt steht jener nach dem Hinausgehen in die Welt, der Überwindung und Transzendierung des Vertrauten, gegenüber. Claudia Losis Denken über Ort und Welt liegt eine basale und radikale Idee von Freiheit und Entwicklung zugrunde. Sie rekurriert auf ein Sehen, das stets mehr dem Suchen als dem Finden zugewandt ist. Es geht keinesfalls um Behauptung oder Feststehendes, sondern um den Menschen als relationales, empathisches Wesen. Das Ich wird hier nicht als Gegebenes, sondern in seinem Werden und in Entwicklung gezeigt, im Prozess von Annäherung und Verwandlung anstelle von Aneignung, Kategorisierung und gegenseitiger Verdinglichung.


David Komary
 
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Claudia Losi


Born in Piacenza, 1971.
Lives and works in Piacenza, Italy.
Graduated at the Academy of Fine Arts, Bologna, and at the University of Foreign Languages and Literature, Bologna, she was selected in 1998 for the Advanced Course in Visual Arts of the Antonio Ratti Foundation, in Como, Italy; in 2000 Italian shortlisted for the International Studio Program P.S.1-New York. She has been artist in residence at Studio Orta-Les Moulins (France), JCVA, Jerusalem (Israel), Art Omi International, New York (United States), NTU CCA (Singapore), Error-Lenguas hermanas, Mexico City

Selected exhibitions: Monica De Cardenas, Milano (2026); Palazzo Ducale, Genova; La Strozzina, Firenze (2025); Palazzo Te, Mantova; Museo della Montagna, Torino (2024); Obrera Centro / ICC, Città del Messico; AssabOne, Milano (2021); MAMbo, Bologna (2020); Ikon Gallery, Birmingham (2019); Collezione Maramotti, Reggio Emilia; Hangzhou Triennial of Fiber Art (2016); Triennale Design Museum, Milano; MAXXI, Roma (2012, 2010); Royal Academy, Londra (2010); Sharjah Biennial 8 (2007); In 2021, she published The Whale Theory: An Animal Imaginary, Johan & Levi and Voce a vento, (Kunstverein Publishing). Her project Being There. Byond the garden won the Italian Council (9th Edition, 2020), promoted by the Italian Ministry of Culture, in 2022 the homonymous book was published by Viaindustriae.

   
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